* 4 *
Während Jenna dasaß und Kapitel Dreizehn las, wurde Septimus Heap, der Lehrling der Außergewöhnlichen Zauberin, dabei ertappt, wie er etwas las, was er gar nicht lesen sollte. Marcia Overstrand, die Außergewöhnliche Zauberin der Burg, war vor einem Streit zwischen der Kaffeekanne und dem Herd in ihrer Küche geflüchtet. Verärgert hatte sie beschlossen, die beiden vorläufig sich selbst zu überlassen und nachzusehen, was ihr Lehrling machte. Sie fand ihn in der Pyramidenbibliothek über einem Stoß alter vergilbter Blätter.
»Was tust du denn da?«, fragte sie.
Septimus sprang schuldbewusst auf und schob die Blätter unter das Buch, das er eigentlich lesen sollte. »Nichts«, antwortete er.
»Das habe ich mir gedacht«, sagte Marcia scharf und musterte den Lehrling, bemüht, ihre strenge Miene zu bewahren, was ihr freilich nicht ganz gelang. Seine leuchtend grünen Augen blickten erschrocken, und seine strohblonden Locken waren auf dieselbe Weise zerzaust wie immer, wenn er konzentriert arbeitete und sich dabei in die Haare fasste. »Nur für den Fall, dass es dir entfallen ist«, sagte sie, »du solltest dich auf deine Prüfung im Zukunftsvorhersagen morgen früh vorbereiten. Und keinen fünfhundert Jahre alten Blödsinn lesen.«
»Das ist kein Blödsinn«, wandte Septimus ein, »das ist ...«
»Ich weiß ganz genau, was das ist«, unterbrach ihn Marcia. »Ich habe es dir schon einmal gesagt. Alchimie ist dummes Zeug und reine Zeitverschwendung. Ebenso gut könntest du deine Socken kochen und erwarten, dass sie sich in Gold verwandeln.«
»Aber ich lese nichts über Alchimie«, protestierte Septimus, »sondern über Heilkunst.«
»Das läuft auf dasselbe hinaus«, erwiderte Marcia. »Von Marcellus Pye, wie ich annehme?«
»Ja. Er ist wirklich gut.«
»Er ist unbedeutend, Septimus.« Marcia schob die Hand unter das Buch, das Septimus hastig oben drauf gelegt hatte – Grundlagen und Praxis der Zukunftsvorhersage –, und zog ein Bündel brüchiger Blätter hervor, die mit einer verblichenen Handschrift vollgekritzelt waren. »Außerdem«, setzte sie hinzu, »sind das nur seine Notizen.«
»Ich weiß. Es ist schade, dass sein Buch verschollen ist.«
»Hm. Es wird Zeit, dass du ins Bett kommst. Du musst morgen sehr früh anfangen. Sieben Minuten nach sieben und keine Sekunde später. Verstanden?«
Septimus nickte.
»Gut, dann ab mit dir.«
»Aber Marcia ...«
»Was ist denn noch?«
»Ich interessiere mich wirklich für Heilkunst. Und Marcellus war auf dem Gebiet der Beste. Er hat alle möglichen Arzneien und Heiltränke gebraut, und er wusste alles darüber, warum wir krank werden. Finden Sie nicht, dass ich das lernen sollte?«
»Nein«, antwortete Marcia. »Das brauchst du nicht, Septimus. Die Magie kann alles, was die Medizin kann.«
»Aber die Seuche kann sie auch nicht heilen«, sagte Septimus trotzig.
Marcia schürzte die Lippen. Septimus war nicht der Erste, der sie darauf hinwies. »Aber bald«, behauptete sie. »Aber bald. Ich muss mich nur darum kümmern ... Was war das?« Ein lautes Scheppern ertönte aus der Küche zwei Stockwerke tiefer, und Marcia stürmte davon.
Septimus seufzte. Er legte die Papiere Marcellus Pyes zurück in den alten Karton, den er in einer verstaubten Ecke gefunden hatte, blies die Kerze aus und ging nach unten ins Bett.
Septimus schlief nicht gut. Seit einer Woche träumte er jede Nacht von der Prüfung, und heute war keine Ausnahme. Er träumte, er hätte die Prüfung versäumt. Und dann wurde er von Marcia verfolgt und fiel durch einen Schornstein, der nicht zu enden schien und immer weiter ging ... Verzweifelt versuchte er, sich an den Wänden festzuhalten und den Sturz zu bremsen, aber er fiel und fiel und fiel ...
»Hattest du einen Ringkampf mit deiner Decke, Septimus?«, hallte eine vertraute Stimme durch den Schornstein, und kichernd setzte sie hinzu: »Sieht so aus, als hättest du verloren. War nicht klug von dir, es gleichzeitig mit zwei Decken aufzunehmen, mein Junge. Mit einer, meinetwegen, aber zwei Decken verbünden sich immer gegen einen. Hinterhältige Biester, diese Decken.«
Septimus zwang sich, aus dem Traum zu erwachen, setzte sich auf und sog hörbar die kühle Herbstluft ein, die Alther Mella durchs Fenster hereingelassen hatte.
»Alles in Ordnung?«, fragte Alther besorgt. Der Geist machte es sich auf dem Bett bequem.
»W... wo ...?«, murmelte Septimus, der Mühe hatte, die leicht durchsichtige Gestalt Alther Mellas zu erkennen, der als ehemaliger Außergewöhnlicher Zauberer häufiger Gast im Zaubererturm war. Normalerweise war Alther leichter zu sehen als viele andere Geister in der Burg, aber in der Nacht oder bei Schummerlicht verschmolz sein verblasstes lila Gewand mit dem Hintergrund, und die dunkelbraunen Blutflecken über seinem Herzen, die Septimus immer ansehen musste, sosehr er sich auch dagegen sträubte, waren nur noch zu ahnen. Mit gelassener und freundlicher Miene richtete Alther seine alten grünen Augen auf seinen Lieblingslehrling.
»Wieder schlecht geträumt?«, erkundigte er sich.
»Äh ... ja«, gab Septimus zu.
»Erinnerst du dich, ob du diesmal den Flug-Charm benutzt hast?«, fragte Alther.
»Äh ... nein. Vielleicht beim nächsten Mal. Nur hoffe ich, dass es kein nächstes Mal gibt. Es ist ein schrecklicher Traum.« Septimus erschauerte und zog sich eine der widerspenstigen Decken bis zum Kinn.
»Hm«, sagte Alther nachdenklich. »Träume kommen nicht ohne Grund zu uns. Manchmal sagen sie uns Dinge, die wir wissen müssen.« Er schwebte vom Bett in die Höhe und streckte sich unter geisterhaftem Stöhnen. »Also, ich habe mir gedacht, du hättest vielleicht Lust auf einen kleinen Ausflug. Ich kenne hier in der Nähe ein nettes Lokal.«
Septimus gähnte. »Aber was ist mit Marcia?«, fragte er schläfrig.
»Marcia hat wieder mal Kopfschmerzen«, antwortete Alther. »Ich weiß nicht, warum sie sich über die eigensinnige Kaffeekanne so aufregt. Wenn ich sie wäre, würde ich das Ding einfach wegwerfen. Sie ist schon zu Bett gegangen, deshalb wollen wir sie nicht stören. Im Übrigen sind wir wieder zurück, bevor sie überhaupt merkt, dass wir fort waren.«
Septimus wollte nicht weiterschlafen und wieder diesen Traum haben. Und so sprang er aus dem Bett, schlüpfte in seine grüne wollene Lehrlingstracht, die er vor dem Schlafengehen am Fußende des Bettes sauber zusammengelegt hatte – so wie er in den ersten zehn Jahren seines Lebens jeden Abend seine Jungarmee-Uniform hatte zusammenlegen müssen –, und schnallte seinen silbernen Lehrlingsgürtel um.
»Fertig?«, fragte Alther.
»Fertig«, antwortete Septimus und ging zu dem Fenster, das Alther bei seiner Ankunft geöffnet hatte. Er kletterte auf das breite Fensterbrett, trat auf den Sims hinaus und blickte einundzwanzig Stockwerke in die Tiefe. Noch vor wenigen Monaten wäre in Anbetracht seiner Höhenangst daran nicht zu denken gewesen. Doch inzwischen hatte er keine Angst mehr, und den Grund dafür hielt er in seiner linken Hand – den Flug-Charm.
Er nahm den kleinen goldenen Pfeil mit den zarten silbernen Schwingen behutsam zwischen Zeigefinger und Daumen der rechten Hand. »Wohin fliegen wir?«, fragte er Alther, der vor ihm schwebte und gerade geistesabwesend an seinem Rückwärtssalto feilte.
»Ins Loch in der Mauer«, antwortete Alther, mit dem Kopf nach unten in der Luft hängend. »Nettes Lokal. Ich hab dir bestimmt schon davon erzählt.«
»Aber das ist doch eine Schenke«, protestierte Septimus. »Ich bin noch zu jung, um in eine Schenke zu gehen. Marcia sagt, das sind alles Lasterhöhlen ...«
»Ach, du musst nicht alles ernst nehmen, was Marcia über Schenken sagt«, erwiderte Alther. »Marcia hat die merkwürdige Theorie, dass die Leute nur in Schenken gehen, um hinter ihrem Rücken über sie zu tuscheln. Ich habe ihr versichert, dass die Leute andere Gesprächsthemen haben, die viel interessanter sind – zum Beispiel die Fischpreise –, aber sie will mir nicht glauben.«
Mit einer Drehung brachte sich Alther wieder in die richtige Position, sodass er vor Septimus schwebte. Er betrachtete die schmächtige Gestalt, die auf dem Fenstersims stand. Die Locken des Jungen wehten im Wind, der immer um die Spitze des Zaubererturms toste, und seine grünen Augen sprühten vor Magie, als die silbernen Schwingen in seiner Hand wärmer wurden. Seit drei Monaten – seit er den Flug-Charm gefunden hatte – unterwies ihn Alther nun schon in der Kunst des Fliegens, und noch immer wurde dem Geist mulmig zumute, wenn er ihn am Rand des Abgrunds stehen sah.
»Ich fliege Ihnen nach!«, rief Septimus, dessen Stimme von einer Windböe fast verweht wurde.
»Wie?«
»Ich fliege Ihnen nach, Alther. Einverstanden?«
»Fein. Aber vorher sehe ich mir deinen Start an. Nur um sicherzugehen, dass du gut wegkommst.«
Septimus hatte nichts dagegen. Er hatte es gern, wenn Alther bei ihm war. Bei seinen ersten Flugversuchen war er ein- oder zweimal sogar sehr froh über den Beistand des Geistes gewesen, insbesondere einmal, als er beinahe ins Dach des Manuskriptoriums gestürzt wäre, weil er vor seinem Freund Beetle mit seinem Können geprotzt hatte. Alther hatte kurzerhand einen Aufwind herbeigezaubert, ihn wohlbehalten hinten im Hof abgesetzt und seine Angeberei mit keinem Wort erwähnt.
Der Flug-Charm in seiner Hand war nun richtig heiß. Zeit zu starten. Septimus holte tief Luft und sprang in die Nacht hinaus. Einen kurzen Augenblick lang spürte er, wie ihn die Schwerkraft in Richtung Erde zog, und dann geschah das, was er so liebte: Der Sog in die Tiefe hörte auf und gab ihn frei, und frei wie ein Vogel konnte er nun fliegen und gleiten, Loopings drehen und durch die Nachtluft schwirren, getragen und sicher gehalten von dem Flug-Charm. Sowie der Charm seine Wirkung tat, atmete Alther auf, breitete die Arme aus wie ein gleitender Adler die Flügel und übernahm die Führung, während Septimus hinter ihm unruhiger flog, da er seine neuen Slalomkünste ausprobierte.
Sie landeten unsanft im Loch in der Mauer – das heißt, Septimus landete unsanft. Während Alther einfach durch die Mauer sauste, rauschte Septimus mit einem lautem Krachen in das Gestrüpp, das vor dem Eingang der Schenke wucherte.
Nach ein paar Minuten kam Alther heraus und sah, wie Septimus gerade aus dem Gestrüpp krabbelte. »Entschuldige, Septimus«, sagte er. »Ich habe eben den alten Olaf Snorrelssen getroffen. Netter Kerl. Nordhändler. Hat zu Hause ein Kind, das er nie gesehen hat. Wirklich traurig. Redet von nichts anderem, ist aber eine gute Seele. Gehen Sie doch an die Luft, sage ich immer zu ihm, und sehen Sie sich etwas in der Burg um. Aber es gibt nicht viele Orte, die er besuchen kann, wenn man mal vom Händlermarkt und dem Dankbaren Steinbutt absieht. Und so sitzt er nur da und stiert in sein Bier.«
Septimus klopfte sich Laub vom Kittel, steckte den Charm in seinen Lehrlingsgürtel und musterte den Eingang zum Loch in der Mauer. Nach einer Schenke sah ihm das aber gar nicht aus. Eher nach einem Haufen Steine, den jemand am Fuß der Burgmauer abgeladen hatte. An der Tür hing kein Schild. Ja, da war überhaupt keine Tür. Und er sah auch nicht die üblichen beschlagenen und erleuchteten Fenster, die er von Schenken kannte, denn da waren überhaupt keine Fenster. Noch während er sich fragte, ob Alther ihn auf den Arm nehmen wollte, schwebte der Geist einer Nonne vorbei.
»Guten Abend, Alther«, grüßte die Nonne mit sanfter Stimme.
»Guten Abend, Schwester Bernadette«, erwiderte Alther mit einem Lächeln. Die Nonne winkte ihm kokett zu und verschwand durch den Steinhaufen. Gleich darauf erschien ein praktisch durchsichtiger Ritter, der einen Arm in der Schlinge trug. Er band sein lahmendes Pferd sorgfältig an einen unsichtbaren Pfosten und schlurfte in das Gestrüpp, aus dem sich Septimus soeben befreit hatte.
»Heute Abend scheint allerhand los zu sein«, sinnierte Alther und nickte dem Ritter freundlich zu. »Ziemlich viele Gäste.«
»Aber ... es sind Geister«, sagte Septimus.
»Aber natürlich sind es Geister«, erwiderte Alther. »Das ist ja der Witz an der Schenke. Jeder Geist ist willkommen, alle anderen brauchen eine Einladung. Und eine Einladung kriegt man nicht so leicht, das kann ich dir sagen. Mindestens zwei Geister müssen dich einladen. Natürlich hatten wir im Lauf der Jahre dann und wann auch ungeladene Gäste, aber es ist nach wie vor ein gut gehütetes Geheimnis.«
Inzwischen waren drei ehemalige Außergewöhnliche Zauberer eingetroffen und steckten am Eingang fest, weil sie sich nicht einigen konnten, wer als erster hineingehen sollte. Septimus nickte ihnen höflich zu und fragte Alther: »Und wer hat mich eingeladen?«
Alther, abgelenkt durch die drei Zauberer, die nun unter lautem Gekicher beschlossen, alle gleichzeitig einzutreten, blieb die Antwort schuldig. »Komm, mein Junge, folge mir«, sagte er und verschwand in der Mauer. Sekunden später tauchte er wieder auf und rief ein wenig ungeduldig: »Nun komm schon, Septimus, Königin Etheldredda lässt man nicht warten.«
»Aber ich ...«
»Du musst durch das Gebüsch und hinter dem Steinhaufen herumschlüpfen. Und schon bist du drin.«
Septimus zwängte sich durch das Gebüsch, und mit Hilfe des Drachenrings, den er am rechten Zeigefinger trug und der im Dunkeln zu leuchten begann, fand er hinter den Steinen einen schmalen Durchgang, der in einen breiten, niedrigen Raum innerhalb der Burgmauern führte – die Schenke Zum Loch in der Mauer.
Septimus staunte. Er hatte noch nie so viele Geister auf einem Fleck gesehen. Natürlich war er den Anblick von Geistern gewohnt, denn er war ein aufgeschlossener Junge, dem Geister gern erschienen, und noch gerner, seit er die grüne Tracht des Außergewöhnlichen Lehrlings trug, wie ihm aufgefallen war. Aber wegen der gemütlichen Atmosphäre im Loch in der Mauer – und weil Alther zu den beliebtesten Stammgästen zählte – gestatteten ihm hier fast alle Geister, sie zu sehen. Und so bot sich ihm ein erstaunliches Bild. Da waren zunächst die Außergewöhnlichen Zauberer, die alle in Lila gekleidet waren, aber Roben in vielen unterschiedlichen Stilen trugen, die den Wandel der Mode im Lauf der Jahrhunderte widerspiegelten, Septimus war den Anblick solcher Geister aus dem Palast und dem Zaubererturm gewohnt. Aber es waren auch überraschend viele Königinnen und Prinzessinnen da. Und andere Geister, die er normalerweise nicht zu sehen bekam: Ritter und ihre Knappen, Bauern und Bauersfrauen, Seemänner und Kaufleute, Schreiberund Gelehrte, Vagabunden, wandernde Kesselflickerund alle möglichen Burgbewohner aus den letzten paar tausend Jahren. Alle hielten den Bierkrug in der Hand, den sie bei ihrem ersten Besuch im Loch in der Mauer bekommen hatten und nie nachfüllen zu lassen brauchten.
Das Gemurmel leiser Geistergespräche erfüllte die Luft, und Unterhaltungen, die vor vielen Jahren begonnen hatten, nahmen ihren gemächlichen Fortgang, doch drüben, in einer entfernten Ecke, hörte eine königliche Gestalt die zögernden Schritte eines lebenden Jungen in all dem Trubel. Sie erhob sich von ihrem Platz neben dem Kamin und glitt durch das Gewimmel der Geister, die respektvoll vor ihr zurückwichen.
»Septimus Heap!«, rief Königin Etheldredda. »Fünfeinhalb Minuten zu spät, aber sei’s drum. Ich warte schon fünfhundert Jahre. Folge mir.«